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Die Rudolf-Borchardt-Gesellschaft trauert um

Cornelius Borchardt

(1928–2022)

Nachruf auf Cornelius Borchardt (1928–2022)

Das Erscheinen der Neuausgabe des Bandes „Swinburne. Deutsch von Rudolf Borchardt“ im Juni 2022 löste bei Cornelius Borchardt eine wahre Euphorie und eine Kaskade von Reaktionen aus: „Großartig, ich bin begeistert! Schön, dass ich dies Buch noch erleben durfte“, schrieb er mir am 23. Juni. Auf mein kurzes Dankschreiben antwortete er gleich am Folgetag: „Nein, so leicht werden Sie mich nicht los, lieber Herr Professor Burdorf … Wir müssen das Große groß sehen und ihm Reverenz erweisen. Das ist hier der Fall.“ In einem anschließenden Schreiben vom 26. Juni verwies er auf seine „ungestüme Art“, die ihm seine vorangehenden Nachrichten diktiert habe, um nach einigen sachlichen Überlegungen zum „Swinburne“ zu schließen: „Bald erfahren Sie mehr von Ihrem Cornelius Borchardt.“

Doch dieses Versprechen blieb uneingelöst. Nur einen Monat später, am 27. Juli 2022 ist Cornelius Borchardt im Alter von 94 Jahren gestorben. Nach dem vorangehenden Tod seiner drei älteren Geschwister war er viele Jahre lang der letzte Vertreter der Generation der Kinder des Dichters. Daher geht mit seinem Tod für das Nachleben Rudolf Borchardts eine Ära zu Ende.

Cornelius Borchardt war der Rudolf-Borchardt-Gesellschaft über viele Jahrzehnte aufs Engste verbunden. Jahrelang wirkte er als Schatzmeister der Gesellschaft. Bis zu seinem Tod war er ein höchst aktives Mitglied des Kuratoriums. Allen, die dabei sein konnten, ist seine Teilnahme an der Jahresversammlung der Gesellschaft im Mai 2018 in der Villa Vigoni in schönster Erinnerung, ganz besonders seine Rezitation italienischer Texte Borchardts auf der von ihm spontan anberaumten Abendveranstaltung in den Räumen der Villa. Mit dieser Rezitation und mit den Erzählungen aus seiner Kindheit und Jugend in Italien trat uns die Lebenswelt Rudolf Borchardts und seiner Familie in den 1930er und frühen 1940er Jahren aufs Lebendigste vor Augen. Selbstverständlich war Cornelius Borchardt, der damals Neunzigjährige, mit dem eigenen PKW an den Comer See gereist.

Cornelius Borchardt, der als gelernter Kaufmann jahrelang in Brasilien tätig war, verbrachte seine letzten Lebensjahrzehnte vorwiegend in Oberbayern. Das Andenken an Rudolf Borchardt entschieden voranzubringen machte er in diesen Jahren zu einem zentralen Bereich seines Wirkens. So gab er 2003 in Zusammenarbeit mit Gerhard Schuster den wichtigen Band „Anabasis“ mit Rudolf Borchardts gleichnamigem späten Erinnerungstext sowie Aufzeichnungen und Erinnerungen der Familie als Band 9 der Schriftenreihe der Rudolf-Borchardt-Gesellschaft heraus. 2010 folgte als Band 11 dieser Reihe der von Cornelius Borchardt zusammengestellte Band der „Gedichte an Marel“, die zweite Ehefrau des Dichters und Mutter seiner vier Kinder. 2020 publizierte Cornelius Borchardt den Band „Borchardts letzte Villa“ über das Leben in der toskanischen Villa Bernardini, welcher Erinnerungstexte von ihm selbst, zahlreiche Fotografien aus dem Familienarchiv sowie Aquarelle seines 2013 verstorbenen Bruders Kaspar enthält. Nachdrücklich gewünscht und großzügig gefördert hat er die Neuausgabe des lange vergriffenen Bandes „Swinburne. Deutsch von Rudolf Borchardt“, mit dem 1989/90 in der Edition von Friedmar Apel die Schriftenreihe der Gesellschaft eröffnet worden war. Die Neuedition wurde sorgfältig betreut und erheblich erweitert durch Ulrich Ott und ist als Band 17 der Reihe erschienen. Wir sind sehr froh, dass Cornelius Borchardt das Erscheinen dieses Bandes noch erlebt und so euphorisch begrüßt hat.

Der Tod von Cornelius Borchardt ist für die Rudolf-Borchardt-Gesellschaft ein unersetzlicher Verlust und betrübt uns sehr. Unser besonderes Mitgefühl gilt seiner Frau und seinen Nichten und Neffen, für die er wie ein Vater war. Doch dankbar sind wir für seinen Esprit, seine Begeisterungsfähigkeit und die langen Jahre geselligen Umgangs im Geist Rudolf Borchardts, die wir mit ihm teilen durften.


Dieter Burdorf
Vorsitzender der Rudolf-Borchardt-Gesellschaft

Rudolf Borchardt (1877 – 1945)


ist dank seiner Sprachmacht, aber auch infolge selbstgewählter Isolation unter den Dichtern des 20. Jahrhunderts ein Solitär geblieben, ein poeta doctus mit höchstem Anspruch an sich und andere. 

Der Sohn eines ostpreußischen Handelsherrn jüdischer Herkunft wurde geprägt vom Studium der Altertumswissenschaft in Bonn und Göttingen wie durch die Dichtung Georges und Hofmannsthals.

Nach Jahren der Reisen und Krisen von 1903 an in der Toskana ansässig, entwickelte der virtuose Lyriker eine umfassende Vision vom Kosmos alteuropäischer Überlieferung. Im Zentrum stehen gleichrangig die Antike und Dante, für dessen „Göttliche Komödie“ Borchardt in jahrzehntelanger Arbeit ein eigenes Deutsch ersann – „Schöpferische Restauration“ aus der erneuernden Kraft der Poesie. Epen wie „Das Buch Joram“ und der ritterlich gewandete „Durant“, aber auch Dramen, landschaftshistorische Essays („Villa“, „Pisa“), selbst Gegenwartsnovellen sollen Muster angewandter Formgeschichte sein. Zahlreiche Übersetzungen und Anthologien für die Bremer Presse, darunter der „Ewige Vorrat deutscher Poesie“ (1926), beruhen ebenso auf philologischer Divination.

Allianzen – so schon die Mitarbeit an der Zeitschrift „Die Insel“ – waren kaum je von Dauer; der peremptorische Gestus des Dichters gefährdete oft selbst enge Freundschaften wie die zu Hugo von Hofmannsthal und Rudolf Alexander Schröder.

Auch Tagesprosa und Reden, mit denen er in der Weimarer Republik für sein national-konservatives Bild der poetisch-politischen Tradition warb, blieben von geringer Wirkung; nach 1933 versiegten die Publikationsmöglichkeiten fast völlig. Erst postum konnten die zeitkritischen „Jamben“ (1935) und das Blumenbuch „Der leidenschaftliche Gärtner“, letzter Ausdruck seiner Kulturvision, erscheinen.

Seit 1955 zeigt eine Werkausgabe, seit 1994 eine Briefedition Borchardts Ingenium; die Zahl seiner Leser wächst. Viele Lebens- und Werkbezüge harren aber noch der Erschließung.

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